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Frauen in der IT: "Wir brauchen die Vielfalt im Denken"

Ein Gespräch mit Christine Skropke, Head of Public Affairs der secunet AG und Vorstandsvorsitzende des eurobits e.V. - Europäisches Kompetenzzentrum für IT-Sicherheit Bochum.

Christine Skropke über Frauen in der IT

Copyright: Christine Skropke

Christine Skropke im Gespräch über dringend gesuchte Charaktereigenschaften in der IT, die Verantwortung der Branche, ihr eigenes Image zu verbessern und über Wege, junge Frauen für die IT zu begeistern.

Die Informatik berührt mittlerweile fast alle Bereiche unseres Lebens – sei es bei der Paketverfolgung oder der Entsperrung des Smartphones per Gesichtserkennung. Sie entwickelt sich rasant, wirft immer neue Fragen, Möglichkeiten und Herausforderungen auf und bietet außergewöhnliche Zukunftsperspektiven.

Trotz der Aussichten auf ein spannendes Berufsleben liegt der Frauenanteil der Informatik-Studierenden bundesweit unter 20%. Informatik anwenden, das machen junge Frauen genauso selbstverständlich wie junge Männer, doch den Blick hinter die Technik wagen weitaus weniger. Mit drei Deutschlandstipendien unterstützt die secunet AG konkret Studentinnen der Informatik und IT-Sicherheit an der RUB und setzt so ein deutliches Zeichen für Frauenförderung in der Branche.

Sie haben sich mit der secunet AG dazu entschieden, insgesamt drei weibliche Studierende in der Informatik und IT-Sicherheit zu fördern. Was ist ihre Motivation dahinter?
Wir sind aktuell schon in einem War for Talents, in der großen Herausforderung, wirklich die Talente, die Fachkräfte zu finden. Das ist kein Thema, was kommen wird, sondern was uns schon länger begleitet. Wir werden Frauen dabeihaben müssen, um quantitativ – das ist der eine Grund – hier ein breites Feld von Fachexperten zu finden. Der zweite ist aber, dass Frauen noch mal mit einer anderen Brille auf das Thema schauen und andere Fähigkeiten mitbringen. Meine Erfahrung zeigt: Männer sind schon mal ein bisschen risikofreudiger oder experimentierfreudiger. Frauen sind sehr gut organisiert, aber auch sehr vorsichtig. Das ist ein Charakterzug, der in der IT-Sicherheit sehr von Vorteil sein kann. Ich bin fest davon überzeugt, dass Frauen mit ihrer „Grundvorsicht“, aber auch mit der kommunikativen Fähigkeit, hier ein ganz, ganz wichtiges Asset mitbringen, was in der IT in den vergangenen Jahren zu kurz gekommen ist. Und deswegen machen wir uns für Frauen stark.

Da wir gerade beim Thema Diversity sind: Die Frauenquote im Bereich Informatik liegt bundesweit bei unter 20 Prozent. Gibt es noch weitere Gründe, warum Diversity in der IT-Branche so wichtig ist?
Diversity brauchen wir überall. In der Informatik, in der IT-Sicherheit ganz genauso wie in anderen Branchen. Wenn man auf der Straße fragt: „Was verstehen Sie unter IT-Sicherheit?“, dann denken alle immer an die Hacker unter ihrer Kapuzenmütze. Da ist noch Imagearbeit zu leisten und ich glaube, dass wir der IT-Sicherheit, vielleicht kein anderes, aber ein besseres Image verpassen müssen. Frauen wollen gezielt an ein Thema rangehen und etwas verändern, etwas bewirken und mitgestalten. Durch unterschiedliche Herangehensweisen in gemischten Teams können wir nochmal deutlich bessere Technik, anwenderfreundlichere Technik und vor allen Dingen auch für den Menschen gemachte Technik entwickeln.

Noch mal zurück zum Stipendium: Welche Eigenschaften der Studierenden wollen Sie damit besonders anerkennen und unterstützen? Wir haben ja gerade schon darüber geredet, dass Frauen ein bisschen anders arbeiten, ein bisschen vorsichtiger vielleicht sind…
Genau dieses Vorsichtige ein bisschen ermutigen. Es geht nicht darum, draufgängerisch zu werden, sondern mutiger und selbstbewusster. Was wir fördern möchten ist, dass sich Frauen wohlfühlen in der Informatik, in der IT-Sicherheit und in den naturwissenschaftlichen Fächern. Dass sie ein Selbstverständnis entwickeln, dass sie da genauso hingehören, wie die Männer ihres Alters und dass wir jegliche Art von Talent und Wissen darin brauchen. Wir brauchen die Vielfalt, nicht nur im Sinne von Diversity, sondern die Vielfalt im Denken.

Noch entscheiden sich ja recht wenig Frauen für ein IT-Studium, aber wenn sie es tun, sind sie erfolgreich. Was meinen Sie, warum unterschätzen viele Mädchen und Frauen ihr Können in dem Bereich?
Ich glaube, das kommt durch Rollenbilder, nicht nur in den Familien, sondern in der Gesellschaft. Ich glaube, dass wir viel mehr Vorbildfunktionen brauchen. Es ist ja nicht grundsätzlich ein naturwissenschaftliches Problem. Biologie, zum Beispiel, war auch immer ein naturwissenschaftliches Fach, wo auch Frauen ganz normal involviert waren. Es ist wirklich ein Image-Thema, es ist nicht, dass Frauen es nicht können. Eine Frau legt auch Wert auf das Umfeld, in dem sie arbeitet und deshalb müssen wir die IT-Sicherheit aus dem Keller herausholen. Wie wir die Informatik vermitteln, fängt in der Schule an, es gibt wenig Berührungspunkte für Mädchen und ein „Schubladendenken“ festigt sich. Es ist ein langer Weg, den wir gehen müssen und wir werden jede Generation unterschiedlich ansprechen müssen.

Was muss noch passieren, damit sich mehr Frauen und Mädchen für die Informatik begeistern?
Wir können die Mädchen nicht zur Informatik holen, weil das ein langer Weg ist. Wir müssen die Informatik zu den Mädchen bringen. Wir müssen hier noch mal ganz neu denken: Wie können wir diese Themen in ihre Welt ein Stück weit mit rüber transportieren? Wir müssen die Informatik dahinbringen, wo die Mädchen sind, ob es Online-Shopping ist, oder beispielsweise der Sport, der so viele neue digitale Anwendungen bekommen hat. Hier gilt es zu ermutigen: Beschäftigt euch damit, lasst die anderen nicht für euch entwickeln und gestalten, sondern macht es selber!

Wir haben ja schon über Vorbildfunktion und Ermutigung gesprochen. Was würden Sie Mädchen oder jungen Frauen raten, denen der Mut fehlt, sich näher mit den Themen Informatik und IT-Sicherheit auseinanderzusetzen?
Traut euch schrittweise ran, holt euch Hilfe, sucht euch Sparringspartner. Ich bin meinen Kollegen unendlich dankbar bei der secunet, denn in meinen ersten Arbeitstagen habe ich sehr schnell Mentoren gefunden. Ich bin sehr offen damit umgegangen und habe gesagt, dass ich nicht aus der IT komme und das haben sie sofort verstanden. Die Leitungsebene hat gesagt „Wir lassen dich hier nicht im Regen stehen“ und hat sich die Zeit genommen und mir Dinge erklärt. Ich glaube, man braucht ein Kreis von Vertrauten, wo man die Angst oder Hemmung ablegt, vermeintlich dumme Fragen zu stellen – es gibt keine dummen Fragen. So baut sich Know-How auf und man stellt fest: Ach, so doof ist man ja eigentlich doch nicht. Es kostet Zeit, aber wir müssen neugierig bleiben, auf diese Themen, die kommen und sich immer wieder mit ein bisschen Mut Schritt für Schritt herantasten. Man wird auch im Sport nicht von heute auf morgen Weltmeister. Leicht ist so ein Weg nie, aber wenn man ihn nicht anfängt zu gehen, dann klappt es auch nicht.

Liebe Frau Skropke, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Charlotte Schab, Center of Computer Science.

Weitere Infos zu eurobits e.V.

Allgemeiner Hinweis: Mit einer möglichen Nennung von geschlechtszuweisenden Attributen implizieren wir alle, die sich diesem Geschlecht zugehörig fühlen, unabhängig vom biologischen Geschlecht.